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Ich laufe gern zur Schule
„Danke, ich laufe lieber“,
sagen am 22. September Schulkinder rund um den Globus,
wenn Mama oder Papa morgens mit dem Autoschlüssel winken.
Denn am 22. September 2005 werden sich wieder Millionen Kinder
weltweit am internationalen „I walk to school“-Tag
beteiligen. |
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Fotos(3): Marcus Gloger |
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Das schönste an der Schule ist der Schulweg – findet zumindest Julia. Lange bevor es Zeit ist, rennt sie mit ihrem Schulranzen zur Straßenecke. Wenn sie Glück hat, wartet ihre Freundin dort auf sie. Sonst geht sie schon mal alleine über die Straße und begrüßt die Katze, die auf einer Treppe in der Morgensonne döst. Mit ihrer Freundin spielt sie im Weitergehen Worträtsel, vergleicht die Schulaufgaben oder bespricht die Pläne für den Nachmittag.
Julia bedauert die Mitschüler, die täglich von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule gebracht werden. Sie haben nur in den Pausen Zeit, mit den anderen Kindern Freundschaft zu schließen, zu spielen, zu toben oder Verabredungen zu treffen.
„I walk to school“ nennt sich eine Kampagne, die aus den USA kommt und inzwischen weltweite Bedeutung gewonnen hat. Ihr Ziel: Sie möchte Kinder dazu bewegen, zu Fuß, mit dem Roller oder mit dem Rad in die Schule zu kommen. Lehrer sollen das Thema Schulweg und Gesundheit mit den Schülern besprechen. Und Eltern werden aufgerufen, das Auto zu Hause zu lassen und gemeinsam mit ihren Kindern den Schulweg zu üben.
Vieles spricht dafür: Die Kinder lernen ihre Umgebung kennen; zu Fuß gehen trägt zur Gesundheit bei; die Kinder machen praktische Erfahrungen im Straßenverkehr; der gemeinsame Weg schafft soziale Bindungen und fördert Freundschaften. Außerdem profitiert die Umwelt davon und die Verkehrssituation im Umfeld der Schule verbessert sich, wenn morgens und mittags weniger Autos vorfahren.
Hinter „I walk to school“ steht ein weltweites, loses Netz von Organisationen. Jede von ihnen setzt sich in einer Schule, in einer Stadt oder in einem ganzen Land dafür ein, dass mehr Schülerinnen und Schüler zu Fuß zur Schule kommen.
Einmal im Jahr – dieses Jahr am 22. September – gipfeln
die Bemühungen der Organisatoren in einem weltweit stattfindenden „I
walk to school“-Tag. An diesem Tag sperren viele Gemeinden
in den USA die Straßen rund um die Schulen für den
Autoverkehr. In Großbritannien organisieren ein Fußgängerverband,
eine nationale Behörde und der ökologische Verkehrsclub
Travelwise die ganze zweite Oktoberwoche lang Aktionen und
Projekte rund um die Schulen. Und in Kanada beteiligen sich
Schulen mit Schülerdemos und Auszeichnungen für die
Schulen oder die Schulklassen, die den höchsten Fußgängeranteil
erreichen. Auch in Schweden, Dänemark, Frankreich und
Italien beteiligen sich in diesem Jahr zum ersten Mal Schulen
offiziell an den „I walk to school“-Aktivitäten.
In Deutschland ruft der VCD Schüler, Lehrer und Eltern
zum Mitmachen auf. |
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Aktiv in die Schule: Die tägliche Bewegung macht Spass und hält fit. |
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Umweltfreundlich zur Schule
Dass Schulen die Verkehrsmittelwahl ihrer Schüler durchaus beeinflussen können, hat eine Studie des Instituts für Landes- und Stadtentwicklung des Landes Nordrhein-Westfalen (ILS) gezeigt. Eine Schule in Marl und eine in Herne hatten sich für das Experiment zur Verfügung gestellt. Sie boten größeren Schülern an, in begleiteten Gruppen mit jeweils einem Erwachsenen mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. „Die Fahrradpools kamen gut an“, sagt Doris Bäumer, die das Projekt für das ILS betreute. „Die Schüler waren bereit, auch Schulwege von fünf Kilometern mit dem Rad zurückzulegen. Sie wollen auch nach Ende der Testphase gerne weiter radeln.“
Die Forscher des ILS stellten einen weiteren wichtigen Zusammenhang fest: Wenn sich eine Stadt für Radfahrer und Fußgänger engagiert, kommt das auch bei den Schülern an. Obwohl die Wohnsituation und die Länge des Schulwegs bei beiden Testschulen ähnlich war, kamen in der erklärt fahrradfreundlichen Stadt Marl bereits vor Testbeginn drei Viertel der Schüler mit dem Rad in die Schule. In Herne dagegen war es nur ein Viertel. |
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Auf dem Schulweg können Kinder Freundschaften schließen und vertiefen. |
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Schulweg – Erlebnisweg
„Der Schulweg muss den Bedürfnissen der Kinder entsprechen und mehr sein, als ein Laufgitter zur Schule“, fordert Karl-Hermann Koch. Seit vielen Jahren kämpft der Dortmunder Architekt und Universitätsprofessor gegen die Erlebnisarmut der meisten Schulwege an.
Mehr noch als erwachsene Fußgänger leiden Kinder unter Begradigung, Vereinheitlichung und Ordnung in der auf Autos ausgerichteten Stadt. Wenn ihr Weg über asphaltierte Trottoirs, zwischen parkenden Autos und kahlen Hauswänden entlang führt, verlieren sie schneller als die Großen den Spaß an der Bewegung. Kinder lieben Abwechslung und Materialien, die sich nicht nur zum Drüberlaufen eignen: Sand, Kies, Lehm, Pflastersteine mit geometrischen Mustern oder Rasenflächen ziehen sie magisch an. Noch besser sind Balken oder Mäuerchen, auf denen man balancieren kann, Brunnen oder Wasserläufe zum Plantschen und jede Art von Vegetation.
Reine Utopie, angesichts der üblichen, eher langweiligen Straßengestaltung? „Die Kommunen können einiges tun, um mehr Erfahrungsmöglichkeiten zu schaffen“, meint Karl-Hermann Koch. „Wenn man beispielsweise die monotone Pflasterung aufhebt und statt dessen verspieltere, abwechslungsreiche Muster nutzt, bewegen sich Kinder plötzlich ganz anders“, hat er beobachtet. Kinder beziehen den Untergrund in ihren Weg ein, laufen im Zickzack, balancieren auf Linien oder erfinden spontan Hüpfspiele. Grundsätzliche Voraussetzungen für einen erlebnisreichen und sicheren Schulweg sind für den Dortmunder Professor allerdings eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 30 oder weniger – „damit Kinder auch einmal spontan gefahrlos die Straßenseite wechseln können“ – und die Rückgewinnung der Straße als Lebensraum. |
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| Schulweg als Mitfahrerin im Pkw, Grundschülerin, 9 Jahre. Über den Weg zur Schule existiert nur eine unklare Vorstellung; zwischen der Wohnung und der Schule fehlen strukturierende räumliche Bezüge. |
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Schulweg mit dem Bus, Gesamtschülerin, 13 Jahre:
Die Schule wird als eine Insel wahrgenommen, die mit dem Bus erreichbar ist. Die Merkmale des Schulweges werden nur durch Bushaltestellen und Straßenmarkierungen bestimmt. „Erlebnisorte“ gibt es nicht. |
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Schulweg zu Fuß, Grundschülerin, 10 Jahre:
Den im Stadtplan fast geraden Schulweg hat die Schülerin, die zu Fuß geht, in einer Mäanderform dargestellt und mit zahlreichen Einzelorten, an denen sie vorbei kommt, verknüpft. |
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Das Bild der Stadt
Um herauszufinden, wie intensiv Kinder ihre Schulwege erleben, ließen Koch und seine Mitarbeiter 700 Kinder ihren Weg von zu Hause bis zur Schule aufmalen. Das Ergebnis: Kinder, die mit dem Auto oder mit dem Bus zur Schule kommen, haben kein inneres Bild von dem Weg, den sie mehrere hundert Male im Jahr zurücklegen. Dagegen bilden Kinder, die zu Fuß in die Schule gehen, auf ihren Zeichnungen viele Details ab: Telefonzellen, Läden, Container, Wegekreuzungen, Bäume, Blumen, das Haus, in dem die Freundin wohnt, oder den Kiosk.
Wer sich die website von „I walk to school“ in Großbritannien anschaut, findet eine Seite, die sich speziell an die Eltern wendet. Sie enthält „Zehn gute Gründe, den Profilreifen – hin und wieder – durch die Profilsohle zu ersetzen“. Einer der Gründe: So lange die Kinder noch kleiner sind, ist der gemeinsame Schulweg eine wertvolle Zeit, die sich Eltern für ihre Kinder nehmen können – um über die Ereignisse des Tages zu reden, Verkehrsregeln in der Praxis zu erklären, Spiele zu machen oder die Schulfreunde kennenzulernen.
Auch die Hamburger Schulbehörde wendet sich mit einer neuen Broschüre an Familien mit Schulkindern. Sie möchte die Eltern dazu ermutigen, ihre Kinder fit zu machen für den Schulweg zu Fuß und die Kinder über die Vorteile des Zufußgehens informieren. Selbständigkeit, Eigenverantwortung, soziale Kompetenz, sicheres Verkehrsverhalten, Gesundheits- und Bewegungsförderung und Umweltbewusstsein sind die zentralen Schlagworte der Broschüre. „Im Auto bleiben Kinder passiv. Wenn sie zu Fuß eigene Wege zurücklegen, müssen sie sich aktiv mit ihrer Umgebung auseinandersetzen“, sagt Gunter Bleyer von der Hamburger Schulbehörde, der die Broschüre entwickelt hat.
Regine Gwinner
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